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Von den Tenaru Falls erfuhr ich noch vor unserer Ankunft auf den Salomonen. Informationen gab es kaum, auf den damals verfügbaren Karten waren sie nicht eingezeichnet und in Reiseforen tauchten nur vereinzelte Hinweise auf. Genau das reizte mich umso mehr. Brano und ich nahmen uns deshalb vor, gleich zu Beginn unseres Aufenthalts einen Versuch zu wagen.

Der Plan war klar: von Bali über Papua-Neuguinea in die Hauptstadt Honiara fliegen, dort knapp zwei Tage bleiben und in dieser Zeit zu den Wasserfällen aufbrechen. Doch gleich zu Beginn kam alles anders. Unser Flug wurde gestrichen, und auf die Salomonen schafften wir es schließlich mit einem Umweg über Singapur – über einen Tag verspätet.

Nach der Ankunft blieb für den Ausflug schlicht keine Zeit. Vor uns lag bereits der lokale Flug von Honiara auf die Insel Santa Isabel. Die Tenaru Falls mussten wohl warten.

Was uns der Anfang verwehrte, wurde später möglich. Als wir von Santa Isabel nach Ghizo weiterreisen wollten, hatten wir erneut einen Umstieg in Honiara. Und was passierte? Unser Flug nach Ghizo wurde wegen technischer Probleme gestrichen.

Der nächste Flug ging erst am folgenden Tag. Brano und ich waren uns einig: Lieber einen Tag verlieren, als in einer defekten Maschine über diese Inseln fliegen. Entscheidung gefallen – die Tenaru Falls bekommen ihre zweite Chance.

Honiara hat ohnehin nicht allzu viel zu bieten: verstopfte, staubige Straßen, ein paar passable Hotels und einige Restaurants. Ehrlich gesagt gibt es für ein paar Stunden kaum etwas, das mehr Freude macht als ein Ausflug zu den Wasserfällen.

Noch am Abend kontaktieren wir die Lodge, die laut Karte am nächsten an dem Gebiet liegt, in dem sich die Wasserfälle befinden sollen. Wir haben Glück – ein englischsprachiger Herr geht ans Telefon und, nachdem er unsere Situation gehört hatte, bietet er uns folgenden Plan an: „Früh am Morgen (noch vor 6:00 Uhr) hole ich Sie am Hotel ab, bringe Sie zu uns in die Lodge und von dort führt Sie unser Guide bis zu den Wasserfällen. Anschließend fahre ich Sie zurück nach Honiara zum Flughafen – wir schaffen das, keine Sorge, Ihr Flug nach Ghizo entgeht Ihnen nicht.“

Klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Natürlich sagen wir zu. Wir sind bereit für jedes Abenteuer.

Aufbruch in den Dschungel

Und tatsächlich, der Morgen war genauso, wie es die Stimme am Telefon versprochen hatte. In aller Frühe wartete ein Jeep mit Fahrer vor dem Hotel. Wir stiegen ein und freuten uns auf das, was der Tag bringen würde.

Am Morgen waren die Straßen noch fast leer. Wir passierten den lokalen Markt und ließen die Stadt nach und nach hinter uns. Nach wenigen Minuten bogen wir von der Hauptstraße ab und stiegen steil in den Dschungel hinauf.

Während der Fahrt erfuhren wir, dass unser Fahrer zugleich der Besitzer der Lodge ist, zu der wir unterwegs sind. Er erzählte bereitwillig seine eigene Geschichte und die des Landes, durch das wir fahren. Nach und nach wurde klar: Er besitzt hier ein nicht gerade kleines Stück Land – nach lokalen Maßstäben ist er tatsächlich ein wohlhabender Mann.

Nach etwa einer Stunde Fahrt öffnet sich vor uns eine ganz andere Welt. Die Parangiju Inland Mountain Lodge liegt am Fuß eines Hügels, ringsum endloser Dschungel. Unter uns breitet sich ein Tal aus, dominiert vom Fluss Lungga. Am Horizont ist in der Ferne Honiara zu erkennen – von dort sind wir vor kaum einer Stunde aufgebrochen.

Zu Fuß zu den Wasserfällen

Vom Besitzer der Lodge bekamen wir einen lokalen Guide zur Seite gestellt. Von hier an ging es zu Fuß weiter.

Zunächst kämpften wir uns auf einem schlammigen Pfad steil durch den Dschungel. Schwüle, dichte Vegetation, rutschiger Untergrund. Später stiegen wir direkt hinab zum Flussbett des Tenaru und folgten ihm gegen die Strömung unserem Ziel entgegen.

Wir erreichten die Stelle, an der der Tenaru mit einem Seitenarm zusammenfließt. An diesem Nebenfluss liegen die Tenaru Falls. Von hier waren es nur noch wenige Minuten flussaufwärts entlang des kleineren Zuflusses.

Die Tenaru Falls

Wir sind da! Die Wasserfälle stehen plötzlich direkt vor uns, als sprängen sie aus dem Dschungel hervor. Wir sind von der unerwarteten Schönheit dieses Ortes überwältigt. Der Moment ist umso intensiver, weil außer unserem Guide niemand hier ist. Keine Touristen, kein Lärm der Zivilisation.

Hier stürzt das Wasser in einem mächtigen Fall aus rund 60 Metern Höhe herab. Der Lärm ist ohrenbetäubend, die Luft voller Gischt und die Energie der herabstürzenden Wassermassen schlicht überwältigend.

Wir zögern nicht und gehen schwimmen. Man kann problemlos bis direkt unter den Fall hinschwimmen, doch sich genau unter den Wasserstrahl zu stellen, macht dann schon weniger Spaß. Die Wucht ist so intensiv, dass es auf Rücken und Schultern kräftig sticht.

Das Wasser war kalt, doch im tropischen Klima störte das kaum. Den Wasserfall von unten zu sehen, seine Kraft zu spüren und ganz allein dort zu sein – das war einer der stärksten Momente unserer gesamten Reise.

Drohne über dem Dschungel

Nur ungern verlassen wir diesen Ort, doch unser Flug geht schon bald und vor uns liegt noch ein langer Rückweg durch den Dschungel.

Vor der Abreise lassen wir noch die Drohne steigen. Aus der Vogelperspektive wird klar, warum dieser Ort so wenig bekannt ist. Der gewaltige Wasserfall liegt perfekt verborgen im Inneren des ausgedehnten Dschungels. Ohne Guide hätten wir ihn wohl vergeblich gesucht.

Durch Dschungel, über kaputte Brücken und matschige Passagen, begleitet von Mücken, geht es zurück zum Auto.

Zurück in die Realität

Der Besitzer der Lodge empfängt uns mit einem kalten Bier. Ein großartiger Gastgeber – er wusste genau, was er wann tun musste, um uns hier das bestmögliche Erlebnis zu bieten. Wir genießen noch einen Moment die Ruhe und den Blick über die Landschaft, dann heißt es aufbrechen. Auch zurück in die Stadt fährt uns der Besitzer freundlicherweise.

Auf dem Rückweg erklären wir ihm, dass wir uns zumindest ein wenig waschen möchten, um nicht völlig verschlammt ins Flugzeug zu steigen. Er hält für uns am Tenaru River an. Eine schnelle Erfrischung – eher ein praktisches Abspülen. Damit waren alle „Probleme“, die uns dieser Tag beschert hatte, gelöst, und wir setzen unseren Weg zum Flughafen fort.

Unser Flug startet schließlich pünktlich, wir schaffen es ohne Stress – und genießen von Bord aus die schönen Ausblicke auf diese einzigartigen Inseln.

Fazit

Wenn Sie einmal in Honiara sind, sollten Sie einen Ausflug zu den Tenaru Falls nicht verpassen. Der Besuch selbst dauert etwa einen halben Tag; auf Wunsch lässt sich das Erlebnis um weitere Streifzüge durch den umliegenden Dschungel oder einen Abstecher in nahegelegene Höhlen erweitern.

Die Tenaru Falls sind kein Ziel, das auf jeder Touristenkarte markiert ist. Gerade darin liegt ihr Reiz – Wildheit, Abgeschiedenheit und das Gefühl, für einen Moment Teil von etwas wirklich Unberührtem zu sein.