
Ein weiterer Tag unseres Roadtrips durch Montenegro. Früh am Morgen starte ich im Dorf Vusanje den Aufstieg zum höchsten Gipfel des Landes – Zla Kolata. Iva fühlt sich an diesem Tag nicht gut und bleibt im Hotel. Gesellschaft leistet mir nur unser Hund Ibo. Schon jetzt kann ich verraten: Er meistert die ganze Tour mit Bravour – doch ich greife vor.
Zla Kolata liegt im Prokletije-Gebirge, das ernsthafte Berge, ein dichtes Netz an Wegen und eine raue, stellenweise sogar harsche Natur bereithält. Genau die Art von Bergen, in denen man schnell versteht: Hier kommt man nicht nur zum Schauen her – hier ist Respekt gefragt.
Mit dem Auto so weit wie möglich hinauf
Ein langer, anspruchsvoller Tag wartet auf mich, dazu brennt die Sommersonne. Also beschließe ich, das Auto so weit wie möglich hinaufzubringen. Vom Dorfzentrum geht die Asphaltstraße rasch in eine Piste über und steigt sanft durch Weiden an. Auf etwa 1.250 m wird es deutlich steiler und die Piste taucht in den Wald ein.

Hier stoße ich auf eine Stelle, an der ein kleiner Bach die Piste quert. Der Untergrund ist schlammig, und auch wenn die Spur hinter der Furt vernünftig aussieht, traue ich mich mit unserem Škoda Superb nicht weiter. Für den nächsten Abschnitt wäre mindestens ein klassisches SUV sinnvoll. Ab hier geht’s zu Fuß. Weil ich beim Aufstieg auch höher geparkte Autos gesehen habe und kein Einfahrtsverbot erkennbar war, lässt sich vermuten, dass die Zufahrt mit dem Auto bis zu einem gewissen Punkt toleriert wird.
Schäferhütte, Sonne, Hitze
Nach etwa einer Stunde steilen Anstiegs auf der Piste erreichen wir zu unserer Rechten eine kleine örtliche Schäferhütte. Ein Schild wirbt mit regionalen Produkten und sogar kühlem Bier. Wir halten jedoch nicht an. Ibo mag kein Bier, und ich will möglichst rasch Höhe gewinnen, bevor uns die Sonne völlig weichkocht. Es ist zwar früh am Morgen, doch man spürt schon, wie die Strahlen die Luft aufheizen.

Wenig hinter der Hütte biegt der Pfad nach rechts ab, die Steigung lässt kurz nach, und die Route schlängelt sich durch niedrigen Bewuchs und über unebenes Felsgelände bis zu einer nahen Lichtung namens Bora. Dort teilt sich der Weg erneut; wir halten wieder rechts. Die lokale Wegmarkierung ist erfreulich gut – inklusive Wegweisern mit Zielnamen und Zeitangaben, die klar zeigen, wie man zur Zla Kolata weiterkommt.
Ab der Lichtung Bora führt nur noch ein schmaler Pfad weiter, der erneut in das felsige Gelände ansteigt. Der Anstieg ist steil und von unten kaum einsehbar – orientierungstechnisch der anspruchsvollste Abschnitt der Tour. Nachdem wir ihn überwunden haben, öffnen sich die Blicke ins Tal unterhalb der Zla Kolata. Zu sehen ist der Sattel Preslopit (2.039 m) an der Grenze zu Albanien, unser erstes Ziel, und auch das große Schneefeld unter dem Gipfel. Ich ahne, dass der Anstieg vom Sattel noch die eine oder andere Herausforderung bereithält.
Unerwartete Abkühlung
Noch vor dem Sattel passieren wir die Höhle Ledena Pećina (Eishöhle), die direkt am Pfad liegt. Ein kurzer Blick hinein ist problemlos möglich. Drinnen wartet eine willkommene Abkühlung – aus ihrem Inneren strömt eiskalte Luft. An einem Sommertag wie diesem fällt der Abschied schwer.
Am Sattel Preslopit treffen wir auf überraschend viele kleine Wandergruppen. Mit Ibo sind wir die Einzigen, die von montenegrinischer Seite heraufgekommen sind. Wir gönnen uns eine kurze Pause und einen Happen. Ich überlege, ob wir weitergehen oder umdrehen. Es warten immerhin noch rund 500 Höhenmeter, und der Blick lässt erkennen, dass das Gelände anspruchsvoller sein wird als bisher. Am Ende siegt die Neugier. Wir liegen gut in der Zeit – also weiter.
Ausgesetztes Gelände, Schnee – und der Hund als Tragetasche
Zunächst verläuft der Anstieg auf der rechten Seite des Kessels, der sich vom Gipfel herabzieht, dreht dann aber rasch nach links hinüber. So umgeht er sinnvoll das Schneefeld, das den ganzen Kessel bedeckt. Wir haben Glück: Bis auf ein paar kurze Passagen können wir dem Schnee ganz ausweichen. Steigeisen oder Pickel haben wir nicht dabei – umso besser.
Anschließend quert der Weg über Felsplatten steil oberhalb des Schneefelds. Das Gelände ist leicht ausgesetzt. An einigen Stellen nehme ich Ibo an die Leine. Als würde er die Schwierigkeit verstehen, geht er äußerst diszipliniert und bleibt meist dicht bei mir. Je höher wir kommen, desto öfter stoßen wir auf Passagen, in denen ich ihn tragen muss. In solchen Momenten ist sein Tourengeschirr Gold wert: Ich kann ihn daran wie eine Tasche greifen, hinüberheben und ohne großes Bücken wieder sicher absetzen.
Die letzten Meter
Nach einer Portion Adrenalin erreichen wir schließlich den Sattel Prevoj Kolata zwischen Dobra Kolata und Zla Kolata auf etwa 2.400 m. Der Sattel ist breit, weite Teile sind schneebedeckt. Es bleiben noch knapp 150 Höhenmeter – also los.

Die letzten Schritte sind zäh, doch die Mühe zahlt sich mit großartigen Ausblicken aus. Vor uns liegen der Gipfel Kolata e Mirë / Dobra Kolata (2.528 m) und Maja e Kollatës (2.556 m) bereits auf albanischer Seite. In der Ferne erheben sich verschneite Berge Albaniens, die Landschaft wirkt rau und zugleich unglaublich klar.
Am Gipfel bin ich allein – nur mit dem Hund. Wir gönnen uns eine längere Pause. Kurz bevor wir aufbrechen, trifft eine Gruppe kroatischer Wanderer ein. Wir wechseln ein paar Worte, dann steigen wir auf dem gleichen Weg zurück zum Auto ab. So schön es hier oben ist – es liegt noch ein weiter Rückweg vor uns.
Den heikleren Abschnitt am Schneefeld nehmen wir erneut konzentriert, ab dem Sattel Preslopit kommen wir flott voran.
Belohnung zum Schluss: Grlja
Statt eines kühlen Biers an der Schäferhütte entscheide ich mich für das Restoran Grlja am Rand des Dorfs Vusanje. Ein vielbesuchter Ort, aber eine gute Wahl: schnelle Bedienung, hundefreundlich – und die Umgebung punktet mit schönen Ausblicken.
Das i-Tüpfelchen ist der nahe gelegene Wasserfall Vodopad Grlja. Wenn Sie ihn besuchen, nehmen Sie Ihren Hund unbedingt an die Leine. Ein Sturz in den Wasserfall hätte zweifellos fatale Folgen.
Mit gutem Gefühl nach einer großartigen Tour und nun auch mit vollen Mägen steigen wir ins Auto und fahren zurück zu unserer Unterkunft in Andrijevica. Was für ein Tag!
Fakten zum Gipfel Zla Kolata und zur Besteigung
- Gipfel: Zla Kolata
- Höhe: 2.534 m (höchster Punkt Montenegros)
- Gebirge: Prokletije
- Ausgangspunkt: Dorf Vusanje
- Höhenmeter: ca. 1.500–1.600 m (je nach Parkplatz)
- Streckenlänge: ca. 14–16 km (hin und zurück)
- Gehzeit: 6–8 Stunden (ohne längere Pausen)
- Schwierigkeit: anspruchsvolle Gebirgstour, teils exponiertes Gelände; mit Hund nur bei guter Kondition und Erfahrung
