
Die Kleinstadt Llica liegt am Westrand des Salar de Uyuni, hoch oben auf dem bolivianischen Altiplano. Unauffällig, ruhig und ein wenig von der Welt abgeschnitten – genau so ein Ort, an dem man automatisch Lust bekommt, etwas zu erkunden. Der ganze Nachmittag liegt vor uns, wir haben keine Eile und schauen in die Karte, wohin es uns nach dem Besuch vom Krater Ulo in der Umgebung noch ziehen könnte.
Auf der Karte fällt uns eine Piste ins Auge, die bis hinauf auf den Cerro Hualchisa über der Stadt führt. Das wirkt nicht wie eine klassische Attraktion, eher wie eine lokale Versorgungsstraße. Umso reizvoller.
Der Plan ist simpel. Wir fahren, solange es geht. Den Rest gehen wir, falls nötig, zu Fuß. Ein bisschen Bewegung in der Höhe schadet nicht.
Wir sind inzwischen recht gut akklimatisiert. Geholfen hat auch der jüngste Aufstieg zum Krater des Vulkans Tunupa, daher sollten wir die Höhe diesmal gut wegstecken. Llica liegt auf rund 3.700 m ü. M., der Gipfel des Cerro Hualchisa erreicht 4.363 m.
Die ersten Kilometer und Respekt vor der Höhe
Die Piste beginnt gleich hinter dem Ort und zieht sich anfangs durch den breiten Talboden unterhalb des Berges. Schon auf den ersten Metern ist klar, dass das keine Komfortfahrt wird. Der Untergrund ist holprig, steinig und ausgefahren. Wir kommen langsam, aber stetig voran. Keine Eile.
Etwa zwei Kilometer hinter Llica, auf rund 3.950 m ü. M., knickt die Piste scharf nach links und beginnt ernsthaft anzusteigen. Ein paar Meter weiter geht es wieder nach rechts, und vor uns liegt ein steiler Anstieg auf einer Piste, die ganz offensichtlich in keinem guten Zustand ist.
Bei Iva gehen sofort die inneren Warnlampen an. Sie schlägt vor, dass sie und Ibo von hier an lieber zu Fuß gehen. Ich habe einen Gegenvorschlag: erst einmal in Ruhe essen und trinken. Kritische Entscheidungen fallen auf fast viertausend Metern Höhe mit vollem Magen leichter.
Wir halten an und steigen aus. Pause. Wir holen die Salteñas hervor, die wir am Morgen in den Straßen von Llica gekauft haben, und trinken dazu ein warmes Quinoa-Getränk. In dieser Höhe schmeckt alles ein bisschen intensiver. Das Wetter ist angenehm. Typischer Altiplano-Mix – die Sonne wärmt, doch die Luft bleibt kühl und frisch. Kein Wölkchen am Himmel. Wir alle genießen den Moment.
Aufteilung der Gruppe
Die Entscheidung fällt wie von selbst. Iva und Ibo machen zu Fuß weiter. Braňo und ich versuchen, mit dem Auto noch etwas höher zu kommen. Mal sehen, wie weit es uns lässt. Am Steuer sitzt Braňo, ich quatsche rein. Der nächste Abschnitt ist holprig und richtig steil, doch unser Hilux 4×4 kommt mit den Hindernissen zurecht. Die Untersetzung mussten wir bisher nicht einlegen. Der Blick nach vorn verheißt allerdings wenig – eigentlich gar nichts, denn die Piste ist in der Ferne nicht zu sehen. Wir wissen nicht genau, wie wir in den Sattel vor uns gelangen sollen, aber solange es eine Spur gibt, fahren wir weiter. Hinter jeder Kurve zeigt sich ein neues Stück der Strecke, und wir hoffen, dass die Karte nicht lügt und uns bis ganz nach oben führt. Wir erreichen die erste Schlüsselstelle: große Felsstufen und zu beiden Seiten Steinmauern, die hier wohl ein Grundstück begrenzen. Jetzt ist die Untersetzung Pflicht. Langsam, vorsichtig, im Schritttempo klettern wir weiter. Am Ende sieht alles verheißungsvoll aus, der Sattel rückt unaufhaltsam näher. Im Sattel stehen wir bereits auf einer respektablen Höhe von etwa 4.125 m ü. M. Zum ersten Mal sehen wir, was dahinter liegt. In der Ferne erkennen wir Abschnitte unserer früheren Route ab dem Dorf Tahua.

Ausgesetzter Schlussabschnitt unter dem Gipfel
Hier schwenkt die Piste nach rechts und zieht weiter zum Gipfel. Manchmal öffnet sich der Blick auf die Spitze mit einem markanten Sendemast. In diesen Passagen fühlt sich die Piste ziemlich ausgesetzt an: auf der einen Seite ein steiler Hang, auf der anderen eine steile Schlucht. Schließlich stoppt uns eine Kurve am steilen Hang. Das Gelände ist extrem steil und zerfurcht. Große Felsbrocken mitten auf der Spur. Wir wissen, wir kämen noch höher, aber warum es erzwingen? Wir sind auf etwa 4.200 m ü. M. Die letzten Höhenmeter zum Gipfel gehen wir zu Fuß.
Gehen auf einer steilen Piste ist in dieser Höhe natürlich kein Selbstläufer, doch mit regelmäßigen Pausen schaffen wir die letzten Meter ohne große Probleme. Vom Gipfel öffnet sich ein wunderbarer Blick. Llica liegt uns zu Füßen. Drehen wir uns ein wenig, zeichnet sich am Horizont noch immer klar der Vulkan Tunupa ab, obwohl er mehr als 50 km entfernt ist. Der Blick nach Norden verrät die nächste Salzpfanne, in deren Mitte der See Coipasa liegt.

Aus der Höhe liegt plötzlich auch unsere gesamte Auffahrt wie auf einer Karte vor uns. Was von unten wie eine verlorene Spur wirkte, ist von hier oben eine klar erkennbare Linie. Während wir die Aussicht genießen, erreichen Iva und Ibo unser geparktes Auto. Zeit für den Rückweg. Natürlich wird vorher noch fotografiert, was sich anbietet, und auch unsere Drohnen kommen auf ihre Kosten. Der Abstieg erfolgt auf derselben Route: zuerst zu Fuß, dann mit dem Auto. Am Ende wird der Ausflug zu einem stimmigen Schlusspunkt für unseren Aufenthalt in Llica. Den Rest des Tages verbringen wir im Ort und in der Unterkunft und planen unseren Weiterweg nach San Pedro de Quemes. Gern würden wir unterwegs noch einen Abstecher in die Thermen von Empexa einbauen. Mal sehen, was daraus wird.
Fazit

Auf den Cerro Hualchisa kam am Ende jede und jeder von uns so weit, wie es Mut und Vernunft an diesem Tag zuließen. Iva und Ibo setzten ab der ersten steilen Rampe auf Sicherheit und ein ruhiges Tempo, Braňo und ich zogen den Wagen noch ein Stück höher und machten den Rest zu Fuß. Jede und jeder hatte eine eigene Komfortgrenze – und genau so soll es im Hochgebirge sein.
In dieser Hinsicht ist Bolivien besonders. Es gibt etliche Pisten, die in extreme Höhen führen, oft weit über 4.000 Meter. Ihr Zustand variiert – manche sind halbwegs gut befahrbar, andere ruppig und technisch –, gemeinsam ist ihnen eines: Sie bringen einen per Auto in wirklich exotische Höhen, für die man anderswo lange aufsteigen müsste.
Unsere Fahrt auf den Cerro Hualchisa war am Ende nur ein Vorgeschmack. Im Vergleich zur Piste am Vulkan Uturuncu, einer der höchstgelegenen befahrbaren Straßen der Welt, war sie noch vergleichsweise moderat. Trotzdem hat sie uns klar gezeigt, dass Höhen über 4.000 Metern kein Detail sind, sondern ein Faktor, mit dem man rechnen muss.
