
Ende des Sommers 2020 beschlossen wir, zwei Tage und eine Nacht im Nationalpark Poloniny zu verbringen – ganz im Osten der Slowakei, nur einen Steinwurf von der slowakisch‑ukrainisch‑polnischen Grenze entfernt. Unser Ziel: herausfinden, was an den Mythen über den perfekten Sternenhimmel dran ist – jenen Sternenhimmel, der die Poloniny berühmt gemacht hat und für den Menschen von weither anreisen.
Lange Anreise ans Ende der Slowakei
Wir erreichen die Poloniny mit dem Auto nach einer ziemlich langen Fahrt aus Bratislava. Allmählich nähern wir uns dem Dorf Nová Sedlica, unserem geplanten Ausgangspunkt. Kurz vor dem Ort halten wir am Straßenrand und beginnen mit den Vorbereitungen: Wir wechseln die Kleidung, packen die Rucksäcke um und wägen gründlich ab, was mitkommt und was besser im Auto bleibt. Niemand hat Lust, unnötige Kilos den Berg hinaufzuschleppen.
Kurz darauf hält ein Wagen der Grenzpolizei neben uns. Fragen stellt niemand, also beginnen wir auch keine Unterhaltung. Wir sind schließlich in einem der am strengsten bewachten Grenzgebiete der Slowakei – ihre Präsenz überrascht uns daher nicht.
Schließlich lassen wir das Auto ganz am Ende von Nová Sedlica stehen und folgen der roten Markierung Richtung Temný vŕšok.
Aufstieg zum Temný vŕšok
Der Temný vŕšok ist ein Kammabschnitt mit mehreren offenen Stellen ohne dichten Wald. Genau dort wollen wir das Zelt aufschlagen und den Blick in den Nachthimmel genießen. Das Wetter spielt mit – der Himmel ist glasklar, keine Spur von Wolken.
Der Aufstieg fällt uns jedoch nicht leicht. Es ist schon eine Weile her, dass ich Zelt, Schlafsäcke, Isomatten und weitere Ausrüstung auf den Schultern bergauf getragen habe. Aber für schöne Ausblicke und ein starkes Erlebnis nimmt man das in Kauf.
Am steilsten ist der Einstieg über die Skládku pod Kýčerou. Erst nach etwa einer Stunde Gehen lässt die Steigung spürbar nach. Eine weitere Stunde später erreichen wir unser erstes Etappenziel.
Temný vŕšok ist in Wahrheit der Punkt, an dem der rote Weg auf eine unmarkierte Kammroute trifft. Wir biegen auf diese unmarkierte Variante ab und suchen einen geeigneten Platz zum Zelten. Ehrlich gesagt, ist es waldreicher, als ich erwartet hatte, und der Blick in den Himmel ist meist ziemlich eingeschränkt.
Schließlich finden wir doch eine kleine Lichtung, die einen großen Teil des Himmels freigibt. Weiterzusuchen haben wir keine Lust – die Entscheidung steht: Hier schlafen wir heute.
Abend unter dem Sternenhimmel

Bis zum Sonnenuntergang ist noch genug Zeit, also läuft alles entspannt und ohne Hektik. Zum Abendessen gibt es ausgezeichnete Brötchen von Iva, dazu Absinth mit frischem Grapefruitsaft. Unsere Vorbereitung war offenbar gründlich.
In guter Stimmung beobachten wir, wie sich die Farben des Himmels langsam verändern. Die Sonne selbst verschwindet hinter dem dichten Wald, unauffällig hinter dem Horizont. Bald zeigen sich die ersten Sterne. Die Erwartungen sind hoch – ich weiß, wie überwältigend es ist, die Milchstraße oder gar ferne Galaxien zu sehen. Die Frage ist nur, ob so etwas auch in der Slowakei möglich ist, die sonst fast vollständig unter Lichtverschmutzung leidet.
Noch vor Mitternacht ist der Himmel tiefschwarz, und es sind tatsächlich unzählige Sterne zu sehen. Auch die Milchstraße tritt hervor. Der Anblick ist grandios – unsere Erwartungen erfüllen sich. Eine Weile liegen wir auf den Isomatten und schauen dem nächtlichen Schauspiel im Liegen zu. Man könnte ewig so daliegen, doch die Kälte treibt uns schließlich ins Zelt. Mehrmals kriechen wir dennoch wieder hinaus und lassen diesen besonderen Moment auf uns wirken. Natürlich habe ich auch das Stativ mit der Spiegelreflex dabei – ein paar Nachtaufnahmen entstehen ebenfalls.
Kurz nach Mitternacht verziehen wir uns endgültig ins Zelt – direkt in die Schlafsäcke, denn die Kälte war kaum noch auszuhalten.
Morgens im Nationalpark Poloniny
Frühmorgens ist mir im Zelt überraschend kalt, während Iva klagt, ihr sei im Gegenteil zu warm. Wir tauschen die Schlafsäcke – und beide sind zufrieden. Draußen ist es noch dunkel, also gönnen wir uns noch etwas Schlaf. Erst das Tageslicht weckt uns.
Wir packen das Zelt ein, unseren ganzen Krempel, und überlegen, wie es weitergeht. Unser nächstes Ziel ist der Gipfel Kremenec. Zelt und Übernachtungsausrüstung möchten wir jedoch nicht weiter mitschleppen, also studiere ich die Karte und finde eine Option für eine kleine Rundtour, ohne denselben Weg zurückzugehen.
So können wir einen Teil der Ausrüstung in der Nähe unseres Lagerplatzes lassen. Den Rucksack voller Dinge, die wir nicht mehr brauchen, verstecken wir im nahen Gebüsch und folgen weiter der roten Markierung – mit dem Plan, ihn später wieder abzuholen.
Zum Fluss Stužická und weiter

Der Weg senkt sich weiter ins Tal zum Fluss Stužická. An der Stelle, wo ein Steg den Fluss quert, halten wir an und bereiten uns Frühstück zu. Ein idealer Platz: fließendes Wasser, der Steg als Sitzbank, Ruhe ringsum. Pure Morgenromantik.
Nach einem kurzen Imbiss und der Morgenhygiene folgen wir der Markierung weiter Richtung Kremenec. Der Weg steigt wieder an, allerdings ohne große Dramatik. Nach etwa einer Stunde erreichen wir die slowakisch‑ukrainische Grenze. Neben Grenzsteinen und Pfosten markiert sie ein breiter, baumfreier Korridor, der sich über ihre gesamte Länge zieht – eine deutliche Linie im sonst geschlossenen Wald.
Von hier ist es nur noch ein kurzes Stück bis zum Dreiländerpunkt, allerdings in relativ steilem Gelände. Vielleicht noch zur Einordnung: Die slowakische, polnische und ukrainische Grenze treffen sich nicht direkt auf dem Gipfel des Kremenec. Der liegt weiter östlich – bereits außerhalb des slowakischen Staatsgebiets.
Touristisch interessant ist vor allem der Punkt, an dem die Grenzen zusammenlaufen. Hier steht ein steinernes Monument, das diesen Ort markiert. Die rote Markierung (Ostkarpaten‑Magistrale) trifft hier auf den blauen Weg, der von polnischer Seite heraufführt. Es gibt einige Bänke, und unweit davon, auf slowakischer Seite, entspringt eine Quelle.
Wir stehen hier fast ganz allein. Mission erfüllt. In Košice war ich zwar noch nie, aber den östlichsten Punkt der Slowakei habe ich erreicht.
Nach ein paar Fotos gehen wir weiter hinüber zum eigentlichen Kremenec. Anders als am Dreiländerpunkt steht hier nur ein Grenzstein – sonst nichts, was den Gipfel markieren würde. Er liegt nicht einmal direkt am erwähnten blauen Weg, sondern ein Stück daneben. Seine Höhe beträgt 1 221 m n. m.
Von diesem ansonsten unscheinbaren Gipfel blicken wir hinüber zum nahen Wielka Rawka (1 307 m), der bereits auf polnischem Gebiet liegt. Er wirkt zum Greifen nah, doch ein recht tiefer Sattel trennt ihn von uns. Trotzdem können wir nicht widerstehen und machen uns auf den Weg hinüber.

Rund 40 Minuten später stehen wir oben – auf einem Berg, der gar nicht auf dem Plan stand. Der Gipfel ist ausgedehnt, bietet aber trotzdem schöne Ausblicke. Das Wetter ist perfekt, und so verbringen wir hier am Ende mehr Zeit als auf dem Kremenec.
Irgendwann ist es Zeit, an den Rückzug zu denken. Wir kehren zum Kremenec zurück und stellen fest: Früh hier zu sein, hat Vorteile – gegen Mittag ist deutlich mehr los. Wir folgen weiter der slowakisch‑polnischen Grenze auf der roten Markierung Richtung Čierťaž.
Der Weg führt abwechselnd durch Wald und über kleinere Wiesen, bleibt am Kamm, und in kurzen Abständen passieren wir Grenzsteine. Er ist einfach zu gehen, im Grunde ein Fahrweg. Auch wenn das Gelände sanft auf und ab schwingt, verlieren wir unterm Strich etwa 150 Höhenmeter.
Unterwegs kommen wir an einer der größeren offenen Wiesen vorbei, der Kamenná lúka (1 200 m). Hier verlässt der Weg für eine Weile komplett den Wald, und die Blicke öffnen sich in alle Richtungen. Hätten wir diesen Ort früher gekannt, hätten wir ihn wohl für die Sternbeobachtung bevorzugt.
Am Sattel Čierťaž wechseln wir auf die grüne Markierung und beginnen unseren Abstieg vom Kamm. Wir steigen hinab bis zu den Lúky pod Príkrym, wo wir die Markierung verlassen und zurück zu dem Platz gehen, an dem wir den Rucksack deponiert hatten – unweit von Temný vŕšok.
Auch wenn es ein unmarkierter Abschnitt ist, ist die Orientierung einfach: Der Weg ist breit, und wir gelangen problemlos zurück zu unserem Rucksack. Zum Glück hat ihn niemand mitgenommen – das freut uns natürlich. Weniger erfreulich: Von nun an geht es wieder mit voller Beladung weiter.
Aus dem ursprünglich steilen Aufstieg wird ein endlos wirkender, stellenweise unangenehm steiler Abstieg zurück zum Auto. Auf den letzten Metern brennen uns beiden die Schultern ordentlich von der Last, die wir tragen.
Wie auch immer – schließlich erreichen wir, zwar ziemlich geschlaucht, aber zufrieden, das Auto. Voller Freude über eine gelungene Tour verlassen wir diesen östlichen Winkel der Slowakei. Die Sterne bleiben uns noch lange im Gedächtnis – und dieses Erlebnis wird uns immer wieder motivieren, ähnlich dunkle Orte auf der ganzen Welt aufzuspüren.
