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Dominica ist ein vergleichsweise unbekannter Inselstaat in der Karibik – viele verwechseln ihn sogar mit der Dominikanischen Republik. Wer die Insel kennt, bringt sie meist mit vulkanischen Stränden, Wasserfällen und Thermalquellen in Verbindung. Sie ist grün, feucht und wild. Kaum jemand ahnt jedoch, dass man hier auch echte Bergtouren unternehmen kann – in einem Gelände, das selbst erfahrene Wanderer fordert.

Mein Aufenthalt auf Braňos Katamaran neigte sich dem Ende zu. Es fehlte nur noch ein kräftiger Schlusspunkt für diese Reise. Schon länger hatte ich auf der Karte mit dem höchsten Gipfel der Insel geliebäugelt. Er heißt Morne Diablotins und erreicht 1.447 Meter. Zwar ist der Morne Diablotins nicht der höchste Berg der gesamten Karibik, doch innerhalb der Kleinen Antillen zählt er zu den markantesten – und schon sein Name lässt ahnen, dass das kein Spaziergang wird.

Mein Vorschlag, ihn zu besteigen, stieß – etwas verdächtig – auf Zustimmung der gesamten Crew. Entscheidung gefällt, und am nächsten Morgen sitzen wir bereits im Auto und fahren an der Westküste entlang hinauf bis nach Portsmouth. Kurz davor biegen wir an der richtigen Stelle rechts ab und tauchen in die Berge ein. Zunächst gewinnt die Asphaltstraße langsam, aber stetig an Höhe, später wird sie zur Schotterpiste, bleibt jedoch gut befahrbar. Bald erreichen wir den Startpunkt des Morne Diablotin Trails.

Name

Der Name des Berges stammt aus dem Französischen – „morne“ bezeichnet einen bewaldeten Hügel oder Berg, eine in der Karibik übliche Bezeichnung für vulkanische Kuppen, und „diablotins“ bedeutet „kleine Teufel“. Frei übersetzt also: „Berg der kleinen Teufel“.

Teufelei in der Praxis

Dass das eine ordentliche Teufelei werden würde, ahnten wir von Anfang an. Schon das Schild am Beginn des Trails rät, mit ausreichend Zeitpuffer loszugehen. Die Realität war jedoch noch härter, als wir es uns vorgestellt hatten.

Im Grunde führt der gesamte Aufstieg durch dichten, überwucherten Dschungel. Als wäre das nicht genug, war der Pfad völlig durchnässt und in eine endlose Schlammpiste verwandelt. Nach ein paar Minuten haben wir den Matsch überall. Und wenn ich „überall“ sage, meine ich wirklich überall.

Jeder Schritt ist unsicher. Jeder Ausrutscher bedeutet eine neue Schicht Schlamm an Hosen, Händen oder Rucksack. Und wer versucht, sich an den Pflanzen festzuhalten, merkt schnell, dass das keine gute Idee ist. Viele sehen zwar wie harmlose Bäume aus, doch ihre Oberfläche ist mit feinen, scharfen Dornen besetzt. Ordentliche Handschuhe wären hier Gold wert.

Je höher, desto schöner

Mit zunehmender Höhe ändert sich jedoch die Stimmung. Die Luft wird spürbar kühler und der Dschungel beginnt sich langsam zu öffnen.

Zwischendurch öffnen sich zwischen den Bäumen Ausblicke, die die Mühe wert sind. Unter uns breitet sich nach und nach fast die ganze Insel aus – grün, wild und vom Karibischen Meer umschlossen.

Ein Hund dort, wo man ihn wirklich nicht erwartet

Als wäre es nicht schon genug, holt uns etwa auf halber Strecke ein streunender Hund ein. Er taucht aus dem Nichts auf, niemand weiß, woher er kommt. Prompt schließt er sich uns an und marschiert furchtlos mit. Fast bis hinauf zum Gipfel bleibt er an unserer Seite. Ohne zu zögern, ohne zu jammern. Vielleicht ist er an diesen Dschungel mehr gewöhnt als wir.

Am Ende schafft er jedoch einen der steileren, anspruchsvolleren Abschnitte nicht. Weil wir nicht wussten, was uns weiter oben noch erwartet, wollten wir ihn nicht auf den Armen weitertragen. Wir verabschieden uns, und jeder geht seinen Weg.

Der Gipfel in Sicht

Im Schlussabschnitt des Trails kommt die Wende. Zunächst zieht das Wetter zu, dichter Nebel hüllt die nächsten Ausblicke ein. Damit ließe sich leben. Problematischer ist der Pfad – er verliert sich zusehends. Der Dschungel holt sich zurück, was hier vermutlich noch die Briten während ihrer Herrschaft angelegt haben.

Zur Einordnung: Der Bewuchs ist extrem dicht und die Route führt durch kleine Bäumchen, die an unsere Latschenkiefer erinnern. Deren Äste hat offenbar seit Jahren niemand zurückgeschnitten; sie wuchern quer über den Weg. Vorankommen heißt im Prinzip: ständig darunter hindurchkriechen oder darübersteigen.

Oft verschwinden die Trittspuren komplett. Wir steigen auf die Vegetation, die unter den Füßen manchmal um einen halben Meter nachgibt. Auf der Uhr sehe ich: Für manche kurzen Abschnitte – vielleicht 50 Meter – brauchen wir 10 bis 15 Minuten.

Nach einem vergleichsweise langen Kampf stehen wir plötzlich auf einer kleinen Erhebung, markiert durch einen Stein. Laut Karte dürfte es sich um einen Grenzpunkt handeln, der die einzelnen „Distrikte“ der Insel trennt. Kurz glauben wir, zugleich auf dem Gipfel zu stehen, doch die Karte spricht dagegen.

Demnach liegt der Gipfel in der Luftlinie nur etwa 100 Meter entfernt – und vielleicht zehn Höhenmeter darüber. Auf dem Papier eine lächerliche Distanz. Für einen Moment frischt der Wind auf, der wogende Nebel reißt auf und gibt eine etwas höhere Kuppe preis, wirklich nur einen Steinwurf entfernt. Uns ist klar: Wir stehen noch nicht oben. Der Gipfel ist nah – und in diesem Gelände doch so furchtbar weit.

Ein Gipfelversuch würde in der Praxis eine weitere Stunde Durchschlagen durch dichtes Gestrüpp ohne klare Spur bedeuten. Hätten wir wenigstens eine Stunde früher gestartet, hätte es Sinn ergeben, doch uns läuft die Zeit davon. Der Sonnenuntergang naht und im Dunkeln wollen wir hier wirklich nicht absteigen. Wir drehen schließlich um.

Kein voller Sieg, aber auch keine Niederlage. So oder so: Der Morne Diablotins hat uns klar gezeigt, wer hier der Herr im Haus ist.

Und noch eine kleine Botschaft an die Einheimischen: Pflegt diesen Pfad ein bisschen. Ihr habt einen schönen Berg – es wäre schade, ihn völlig zuwuchern zu lassen.

Drohne über dem höchsten Berg von Dominica

Gegen Tagesende klart der Himmel etwas auf. Ich lasse die Drohne steigen und fange das gesamte Massiv des Berges aus der Luft ein. Von oben wird noch deutlicher, wie wild und unzugänglich dieser Teil der Insel ist.

Das Foto aus der Vogelperspektive setzt diesem Aufstieg einen symbolischen Schlusspunkt. Auch wenn wir nicht direkt am höchsten Punkt standen, war das Erlebnis intensiv und authentisch.

Rückkehr in der Dunkelheit

Zum Auto kommen wir bereits in der Dunkelheit zurück. Die letzten Meter gehen wir schweigend – müde, voller Schlamm, aber zufrieden.

Zur Veranschaulichung des Ausmaßes an Matsch entsteht auch ein Foto, das man ohne Weiteres in einer Werbung für ein extrem starkes Waschmittel verwenden könnte.

So sieht die Krönung meines Aufenthalts auf dieser Insel aus. Kein perfekter Gipfelsieg, sondern ein raues, echtes Dschungelabenteuer auf Dominica.