
Im Rahmen unseres Roadtrips durch Norwegen erreichen wir die Stadt Bodø. Hier beginnt unser nächstes, kleines Abenteuer. Wir steuern das bekannte norwegische Archipel der Lofoten an – doch anders als die meisten Reisenden wollen wir zunächst eine der weniger bekannten Inseln besuchen: Værøya.
Für Sightseeing in Bodø bleibt uns keine Zeit. Wir fahren direkt in den Hafen – und ringen dort erst einmal mit der Logistik. Wie so oft gibt es mehrere Spuren mit Autos, jede für eine andere Fähre und ein anderes Ziel. Wir fragen uns durch, ob wir richtig stehen. Am Ende wird klar: Hier bleibt nichts dem Zufall überlassen. Wer ein Ticket hat, wird vom Personal zur richtigen Zeit in die richtige Spur gewunken.
Übrigens: noch nie von der Insel Værøya gehört? Wir auch nicht – bis vor Kurzem. Der Grund, warum wir dorthin wollen, ist simpel und zugleich kaum zu glauben: Kauft man ein Ticket für die Fähre Bodø – Moskenes und steigt auf Værøya aus, kostet es 0 norwegische Kronen. Ein Angebot, das man schlecht ausschlagen kann.
Fähre ist nicht gleich Fähre
Die Überfahrt von Bodø nach Værøy dauert etwa 5,5 Stunden und – anders als bei den Fähren, die wir zuvor in Norwegen genommen haben – führt diese Verbindung übers offene Meer. Das bringt ein paar Besonderheiten mit sich, auf die wir nicht ganz vorbereitet waren.
Anders als auf den meisten Fähren müssen Passagiere das Auto verlassen und sich an Deck aufhalten. Der Zugang zum Fahrzeug ist während der Fahrt grundsätzlich verboten. Für den Hund ist es noch komplizierter: Er darf nicht mit an Deck und muss die gesamte Überfahrt im Auto bleiben. Trotzdem versuchten wir, Iba „hineinzuschmuggeln“. Das klappte etwa eine Stunde, dann bat uns die Crew höflich, ihn zurück ins Auto zu bringen.
Man sagte uns zugleich, wir dürften den Hund bei Bedarf einmal pro Stunde direkt im Auto kontrollieren – allerdings nur in Begleitung eines Crewmitglieds. In der Praxis war das nicht ganz so einfach: Es war nicht immer jemand verfügbar, und so konnten wir letztlich nur einmal während der Fahrt und einmal beim Zwischenstopp auf der Insel Røst nach dem Rechten sehen.
Das Ende der Welt namens Røst
Unterwegs legt die Fähre einen Zwischenstopp auf Røst (auch Røstlandet) ein. Das ist der westlichste und zugleich südlichste Teil der Lofoten, fast 50 Kilometer von den Hauptinseln des Archipels entfernt.
Dieser Abschnitt der Fahrt hatte etwas äußerst Eigenes, fast Mystisches. Røst besteht im Grunde aus ein paar Felsklippen mitten im Nichts. Wir erreichten sie genau zum Sonnenuntergang. Goldenes Licht, offenes Meer, die Silhouetten der Felsen und die völlige Abgeschiedenheit – eine Stimmung, die sich nur schwer in Worte fassen lässt.

Nur wenige Menschen steigen hier ein oder aus. Es gibt ein kleines Fischerdorf, ein paar Kilometer Straße und einen funktionierenden Flughafen. Die Insel hat eher strategische als touristische Bedeutung – sie dient vor allem der Fischerei und als wichtiger Punkt im Nordatlantik, begünstigt durch ihre Lage am Rand norwegischen Territoriums und den Flughafen.
Fun Fact: Im Jahr 2002 wurde in der Nähe von Røst das Korallenriff Røst Reef mit einer Länge von etwa 43 Kilometern entdeckt – eines der größten Kaltwasserkorallenriffe der Welt.
Wo sind wir hier?
Die Sonne versinkt, und vor uns liegt noch gut eine Stunde Überfahrt nach Værøy – konkreter: in den Hafen des Dorfs Sørland.
Direkt nach dem Anlegen fahren wir einige Orte ab, die laut Karte als Lagerplatz für unser Zelt taugen könnten. Den idealen Spot finden wir jedoch erst an der Nordseite der Insel, ganz am Ende der Straße. Es ist ruhig, still, die Szenerie großartig – und wir sind fast allein. Als Bonus gibt es öffentliche Toiletten mit fließendem Wasser nur wenige Schritte von unserem Nachtlager entfernt.
Sehr schnell wird uns klar, wie klein und kompakt Værøya wirklich ist. Die Insel misst rund 19 km², es leben hier nur etwa 700 Einwohner und es gibt im Grunde nur zwei bewohnte Dörfer – Sørland und Nordland. Das Straßennetz umfasst nur wenige Kilometer; alles wirkt einfach, ruhig, entschleunigt.

Obwohl die Sonne längst untergegangen ist, bleibt es hell. Im Sommer sinkt sie hier nämlich kaum unter den Horizont. Nach dem Umräumen und dem Zeltaufbau schlafen wir schließlich ein – müde vom langen Tag. Die Nacht war relativ angenehm und mild, begleitet von ein paar kurzen Schauern.

Am Morgen trocknen wir, was geht. Das Autodach verwandelt sich in eine kleine improvisierte Küche. Wir frühstücken mit Blick auf die unbewohnte Nachbarinsel Mosken.
Ganz in der Nähe liegt auch der heute stillgelegte Flugplatz, der wegen unberechenbarer, plötzlicher Windwechsel geschlossen wurde. Sein Umfeld dient inzwischen als ideales Plätzchen zum Campen.
Håen
Am Morgen bessert sich das Wetter leicht, doch die Vorhersage ist unerbittlich – im Tagesverlauf sollen die Wolken dichter werden. Wir fahren zurück nach Sørland und stellen das Auto auf einem kleinen Parkplatz hinter dem Dorf ab; von hier starten die meisten Wanderwege.
Unser Ziel ist der Gipfel Håen (438 m), bekannt für seine Blicke über den Westteil der Insel. Oben steht ein Militärradar, und es führt eine Straße hinauf, die Natoveien heißt. „Veien“ bedeutet auf Norwegisch „Straße“ – der Name verrät also ihren Ursprung. Diese Straße würde einen bequemen Aufstieg bis zum Gipfel erlauben, doch ihr erster Abschnitt verläuft durch einen Tunnel im Bergmassiv; der Zugang ist – zu Fuß wie mit dem Auto – verboten.

Der offizielle Wanderweg führt über steile, grasige Hänge und trifft erst später auf die Straße. Der Aufstieg ist nicht schwierig, der Pfad gepflegt und auch bei schlechter Sicht gut nachvollziehbar. Nach etwa einer Stunde erreichen wir den Gipfel. Außer der Militäranlage erwartet uns dort nur dichter Nebel. Von Ausblicken keine Spur.
Bei gutem Wetter eröffnen sich hier Szenerien, die manche auch „Nusa Penida Norwegens“ nennen – weil sie an den Blick auf den bekannten Strand Kelingking Beach auf der indonesischen Insel Nusa Penida erinnern.
Entlang des Kamms
Auf dem Håen warten wir noch eine Weile in der Hoffnung, dass die Wolken sich zumindest teilweise lichten. Doch irgendwann ist klar, dass sich nichts ändern wird, und wir gehen weiter.
Vom Håen folgen wir dem Kamm nach Norden zum Gipfel Hornet (346 m). Zunächst wandern wir weiter im Nebel, nach und nach beruhigt sich das Wetter. Erst jetzt wird uns bewusst, was links von uns liegt: steile, teils sehr exponierte Klippen, die direkt ins Meer abfallen. Zur Sicherheit nehmen wir den Hund an die Leine.
Rechts hingegen ziehen sich sanftere, grasige Hänge hinab Richtung Sørland. Erst beim Abstieg reißt der Nebel endgültig auf, und wir bekommen zumindest teilweise Ausblicke. Im Vordergrund taucht der Hornet auf, dahinter Mosken und in der Ferne die Hauptinseln der Lofoten.
Nach dem Abstieg kehren wir ohne weitere Schleifen zurück nach Sørland. Wir sind erschöpft – hinter uns liegen mehrere Etappen und eine Tour bei wechselhaftem Wetter. Unweit der Feuerwehr stellen wir das Auto ab und kochen uns ein einfaches Mittagessen.

Am Nachmittag bessert sich das Wetter Schritt für Schritt, also nutze ich die Gelegenheit und lasse die Drohne steigen. Zunächst gelingen nur Aufnahmen der näheren Umgebung und der Militärstation auf dem Håen, doch mit den zurückweichenden Wolken öffnen sich auch fernere Blicke. Am Ende kann ich sogar den Westteil der Insel einfangen, den wir wegen des Nebels auf der Wanderung nicht gesehen hatten. Aus der Luft wird deutlich, wie zerklüftet die Küste ist – und dass es hier einige wirklich schöne Strände gibt.
Gegen Abend fahren wir zurück in den Hafen und warten auf dieselbe Fähre, die uns am Vortag hergebracht hat. Diesmal geht es jedoch weiter zu den bekannteren, touristisch belebteren Teilen der Lofoten.
Dieser Zwischenstopp am Ende der Welt hat sich gelohnt. Røst wirkte schon von Deck aus mystisch, und Værøya ist noch einmal ein Kapitel für sich. Schwer zu beschreiben, umso einzigartiger. Für 0 NOK war es das allemal wert.
