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Gleich vorweg ein Hinweis: Dieser Beitrag beschreibt zwar eine attraktive Bergtour, ihr Ziel liegt jedoch in einem Nationalpark, in dem das Verlassen der markierten Wege verboten ist. Ebenso ist das Mitführen von Hunden hier vollständig untersagt. Wer unserer Route folgt, riskiert eine hohe Geldstrafe. Der Text dient ausschließlich als Fotoreportage, um die Schönheit dieser Gegend näherzubringen.

Ende des Sommers 2024, nach einigen Wochen in Skandinavien, führte mich der Weg zurück in die Slowakei. Die Durchfahrt durch die Hohe Tatra war quasi Pflicht, und der Blick auf die Silhouetten der Belaer Tatra machte schnell klar, dass ich dort zumindest kurz anhalten musste. Nový vrch war einer der wenigen Gipfel in der Belaer Tatra, auf dem ich noch nie gestanden hatte – die Zielwahl lag also auf der Hand.

Am Morgen starten wir in Tatranská Javorina. An der Försterei im Tal vorbei folgen wir dem markierten Pfad Richtung Meďodoly. Nachdem wir den markierten Weg verlassen haben, geht es über den Štefanov predeľ weiter und dann in einer Querung unter die Rinne, die vom Havranie sedlo herabzieht. Bis hier ist die Route klar und unkompliziert, ohne technisch anspruchsvolle Passagen. Der Großteil des Anstiegs führt durch dichten Wald. Ibo hält sich vorbildlich an unsere Gruppe und wird mit den Mitgliedern der Gruppe nach und nach warm. Unterwegs wird viel geredet – Leute, die sich länger nicht gesehen haben, haben sich eben einiges zu erzählen. Die Plauderei hilft nebenbei, Begegnungen mit Wildtieren zu vermeiden.

Unter dem Havranie sedlo wechseln wir die Richtung und steigen die Rinne steil hinauf zum Sattel. Der Weg führt durch grasig-steiniges Mischgelände, verengt sich markant und öffnet sich dahinter wieder, das Terrain wird rein grasig. Die letzten Meter vor dem Sattel sind weglos. Die Höhenmeter summieren sich zügig. Das Grün ist angenehm fürs Auge, doch die Bewegung in steilen Grasflanken erfordert Aufmerksamkeit. Ibo hingegen genießt das Gelände mit seinem Allradantrieb sichtlich – genau sein Element.

Das Havranie sedlo ist der erste markante Punkt des Tages. Wir legen eine kurze Pause ein und setzen dann in Richtung Nový vrch fort. Zunächst geht es über grasige Abschnitte, die nach und nach felsiger werden. Der Aufstieg verlangt nun mehr Konzentration, die letzten Meter sind ausgesetzt – ich nehme Ibo an die Leine. Die Mühe lohnt sich: Vom Gipfel bieten sich die für die Belaer Tatra typischen Weitblicke. Dazu Blicke in einen weniger bekannten Teil des Gebirges – den Kamm vom Nový vrch bis zum Nový Kopiniak, der eher an die Dolomiten als an die Belaer Tatra erinnert. Beim Blick zurück dominiert der König des hiesigen Gebirges: der Havran.

Vom Gipfel steigen wir über die Grasflanken in Richtung Nové sedlo ab. Die steil abfallenden Hänge sind für Ibo eindeutig das Highlight des Tages. Er genießt das Gefälle im hohen Gras – geht es nicht auf allen vieren, rutscht er auf dem Bauch; wenn es die Umstände erlauben, gehören auch Purzelbäume und Surfen auf dem Rücken dazu. Die Freude währt jedoch nicht lange. Kurz vor dem Sattel folgen leicht anspruchsvolle, luftige Passagen, die der Tour genau so viel technische Würze geben, dass sie spannend bleibt, ohne unnötig aufgeladen zu wirken. Die meisten schwierigeren Stellen lassen sich durch den relativ lichten Latschenbewuchs umgehen, doch manchmal muss man buchstäblich auf die Kante. Ibo lässt sich stellenweise lieber tragen. Am Ende schaffen wir alles souverän.

Vom Nové sedlo führt der Abstieg unter den Wänden des Muráň bis hinüber zum Zadné muránske sedlo. Der Pfad ist zwar recht gut begangen, hält sich aber meist in einer steilen Querung und verlangt Trittsicherheit. Umso angenehmer ist der Schlussabschnitt vom Zadné muránske sedlo zurück in die Javorová dolina – deutlich ruhiger im Charakter. Zunächst ein älterer, teils verwachsener Steig, doch nach ein paar Kehren ist die Route kaum noch von einem markierten Weg zu unterscheiden. Spätestens hier wird einem in Ruhe klar, wie gelungen dieser Tag war.

Der Nový vrch bietet genau das, was man von der Belaer Tatra erwartet: raue Schönheit, absolute Stille und das Gefühl, in einer anderen Welt unterwegs zu sein. Wenn Sie sich irgendwann hierher aufmachen, werden Sie hoffentlich spüren, was für ein einzigartiger Ort das ist – und ihm mit Respekt und Rücksicht begegnen.

Aufstiegsroute